Freitag, 25. Dezember 2015

San Agustino I



24.12.2015  San Augustin

Heute werde ich gegen halb 5 wach, weil ich draußen vereinzelt Schüsse höre, dann eine ganze Salve. Erst bin ich noch ganz entspannt, aber dann ist es schon etwas unheimlich, weil ich so gar nichts damit anzufangen weiß. Dann denke ich daran, dass unser Hotel fast wie ein Hochsicherheitstrakt gesichert ist, sogar die Balkontüre gleicht einer Gefängniszellentür, und in meinem Reiseführer steht, dass Rivera Einzugsgebiet der FARC ist. Was sind das für Schüsse und was passiert hier gerade? Eine Weile ist Ruhe, dann geht es von neuem los. Ein bisschen Angst habe ich inzwischen schon, immerhin hat man vorher viel gehört und gelesen über Kolumbien. Ich gehe aber erstmal duschen, weil ich gestern Abend zu faul dazu war und mir nun denke, dass ich auf keinen Fall ungeduscht erschossen werden möchte. Blöd, ist aber so! Dann ist auch erstmal eine Weile Ruhe, unten läuft relativ laut Musik. Weihnachtsmusik? Klingt eher nach Rebellenmusik. Gegen halb 6 hört man wieder vereinzelte Schüsse. Ich schreibe Jörg eine WhatsApp, was das ist, und er gibt dann glücklicherweise Entwarnung. Das ist Feuerwerk, was die Kolumbianer um die Weihnachtszeit zu jeder Tages- und Nachtzeit zünden. Hätte er auch gestern mal andeuten können. Jedenfalls bin ich beruhigt und traue mich dann später auch raus und besorge mir heißes Wasser, um wenigstens schon mal einen Kaffee von meinem mitgebrachten Kaffeepulver zu trinken. Nach und nach trudeln alle zum Frühstück ein und erzählen fast durchgehend, das die die gleichen Gedanken hatten wie ich J.

Das Frühstück ist wieder sehr dürftig, dieses Mal gibt es nur Tütensaft, wieder Rührei und ein süßes weiches Brötchen. Zum Glück habe ich meine Avocado, die ich mir gestern auf dem Markt gekauft habe. Nebenbei sagt mir Jörg, dass Martin und ich die nächsten zwei Nächte in einem anderen Hotel als der Rest der Gruppe untergebracht sind, weil in dem vorgesehenem Hotel nicht genügend Kapazitäten verfügbar sind. Das finde ich gar nicht so gut, da Jörg seit Anfang der Reise immer wieder erwähnt, wie schön das Hotel in San Agustino ist. Warum ausgerechnet wir beide? Hätten die doch auch zwei Paare oder so abseits der Gruppe unterbringen können!

Um 8.00 Uhr starten wir dann wieder mit dem Bus zu unserem heutigen Ziel San Augustino. Die Fahrt ist dieses Mal sehr sehenswert, tolle Landschaft und wir halten sogar an zwei Aussichtspunkten, von wo aus man einen grandiosen Blick über deN Rio Magdalena hat. Fantastisch! Deswegen bin ich hier! Einen weiteren Stopp legen wir in dem sehr betriebsamen kleinen Ort „Gigantes“ ein, der so heißt, weil auf dem Hauptplatz ein gigantischer, sehr alter Baum steht. Hier trinken wir an einem kleinen Stand einen frisch gepressten Orangensaft und bescheren der Dame wahrscheinlich damit das Geschäft des Monats. Über eine gut ausgebaute Serpentinenstraße geht die Fahrt weiter und ich kann mich mal wieder nicht satt sehen an dieser wundervollen Landschaft.

 
Um kurz vor zwei sind wir dann in San Augustino, wo Jörg noch einen Stopp bei einem vegetarischen Restaurant einlegt um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Ich habe keinen Hunger und nutze die vorgegebene Zeit von einer halben Stunde damit, durch die Läden zu bummeln. Die Leute sind hier extrem freundlich, alle begrüßen mich mit einem Lächeln und ein paar netten Worten, hier und da kommt sogar mit meinen winzigen Brocken spanisch eine holprige Unterhaltung zustande. Ich liebe diese Atmosphäre, es ist total entspannt. Ich kaufe für Mama einen Kühlschrankmagneten und bekomme woanders einen bemalten Kern geschenkt. Als ich zum Restaurant zurückkomme, bekommen die gerade erst ihr Essen, ich trinke einen Kaffee. Nach dem essen trödeln diverse Leute dann extra lange noch bei einem Kaffee rum, bevor es endlich (nach inzwischen einer vollen Stunde) weitergehen kann zum archäologischen Park von San Agustino. Bekannt geworden ist dieser Ort durch zahlreiche, mit einfachsten Werkzeugen hergestellte Felsskulpturen und mystische Figuren, die in der Zeit von 100 bis 1200 nach Christus durch die San-Agustín-Kultur geschaffen wurden. Der Ort gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir machen einen gemütlichen Rundgang mit einem örtlichen Führer, der uns zu allen Figuren und Gräbern ausführliche Erläuterungen gibt. Sehr interessant! Gegen 18:00 Uhr sind wir fertig mit dem Rundgang und fahren zum Hotel, was etwas außerhalb des Ortes liegt. Zunächst fahren wir zu den Hotel, wo alle anderen absteigen, und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis alle mit Zimmern versorgt sind, zumal wir uns bereits in einer Dreiviertelstunde wieder zum Abendessen treffen sollen. Angesichts der Tatsache, dass heute Heiligabend ist, ich deswegen wenigstens geduscht sein möchte, aber immer noch nicht weiß, wo und wie ich die Nacht verbringe, bin ich inzwischen etwas genervt. Dann werden wir endlich zu unserem Hotel gebracht. Das ist nicht weit weg, etwa 100 Meter, aber der Weg führt durch ein (zwar beleuchtetes) Waldstück, wo ich mir denke, was zum Teufel haben die sich dabei gedacht, eine allein reisende Frau in Kolumbien so abseits der Gruppe unterzubringen? Ist ja nicht unbedingt klar, dass ich mich mit Martin verstehe oder wir uns gleichzeitig auf den Weg machen. Wirklich Schiss deswegen hatte ich aber auch nicht. Und als wir dann an unserer Unterkunft ankommen, muss ich allen Verantwortlichen insgeheim direkt vergeben. Das Hotel ist der Hammer! Mit Sicherheit ein Upgrade gegenüber den anderen Zimmern (obwohl die auch sehr schön sein sollen). Das absolute Gegenteil zu unserer letzetn Unterkunft, alles ist offen, das Hotel  besteht aus zwei Gebäuden, vorne das Restaurant, dahinter zweistöckig die Zimmer, welche sehr groß, modern eingerichtet und die Wände nach Themen bemalt sind. Ich habe ein Ozelot an der Wand. Leider habe ich erstmal nur kurz Zeit, mein Zimmer zu genießen,  kurz duschen, umziehen, dann zum anderen Hotel. Dort gibt es das Abendessen zu Heiligabend mit der Gruppe, zum Glück ganz unspektakulär, mit Hühnchen-Lasagne und Live-Musik. Ich werde trotzdem kurz sentimental, als ich die Nachrichten meiner Neffen lese, aber sonst ist es ein Abend wie jeder andere hier. Nett, entspannt, und unterhaltsam. Relativ früh löst sich die Gruppe allerdings auf, die meisten gehen zu Bett, wir  bleiben noch mit ein paar Leuten sitzen, aber gegen halb elf gehen wir dann zu unserem Hotel, trinken dort noch einen Mojito, dann gehen wir auf unsere Zimmer. Ich wasche ein bisschen Wäsche und setze mich dann auf die wunderschöne Terrasse mit Blick auf den beleuchteten Ort. Von überall schallt Musik herüber, die dazu einlädt, zu tanzen und zu feiern, aber leider ist hier tote Hose. Aber ich genieße es trotzdem, eine absolut schöne Stimmung. 

 

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