24.12.2015 San Augustin
Heute
werde ich gegen halb 5 wach, weil ich draußen vereinzelt Schüsse höre, dann eine
ganze Salve. Erst bin ich noch ganz entspannt, aber dann ist es schon etwas
unheimlich, weil ich so gar nichts damit anzufangen weiß. Dann denke ich daran,
dass unser Hotel fast wie ein Hochsicherheitstrakt gesichert ist, sogar die
Balkontüre gleicht einer Gefängniszellentür, und in meinem Reiseführer steht,
dass Rivera Einzugsgebiet der FARC ist. Was sind das für Schüsse und was
passiert hier gerade? Eine Weile ist Ruhe, dann geht es von neuem los. Ein
bisschen Angst habe ich inzwischen schon, immerhin hat man vorher viel gehört
und gelesen über Kolumbien. Ich gehe aber erstmal duschen, weil ich gestern
Abend zu faul dazu war und mir nun denke, dass ich auf keinen Fall ungeduscht erschossen
werden möchte. Blöd, ist aber so! Dann ist auch erstmal eine Weile Ruhe, unten
läuft relativ laut Musik. Weihnachtsmusik? Klingt eher nach Rebellenmusik.
Gegen halb 6 hört man wieder vereinzelte Schüsse. Ich schreibe Jörg eine
WhatsApp, was das ist, und er gibt dann glücklicherweise Entwarnung. Das ist
Feuerwerk, was die Kolumbianer um die Weihnachtszeit zu jeder Tages- und
Nachtzeit zünden. Hätte er auch gestern mal andeuten können. Jedenfalls bin ich
beruhigt und traue mich dann später auch raus und besorge mir heißes Wasser, um
wenigstens schon mal einen Kaffee von meinem mitgebrachten Kaffeepulver zu
trinken. Nach und nach trudeln alle zum Frühstück ein und erzählen fast
durchgehend, das die die gleichen Gedanken hatten wie ich J.
Das
Frühstück ist wieder sehr dürftig, dieses Mal gibt es nur Tütensaft, wieder
Rührei und ein süßes weiches Brötchen. Zum Glück habe ich meine Avocado, die ich
mir gestern auf dem Markt gekauft habe. Nebenbei sagt mir Jörg, dass Martin und
ich die nächsten zwei Nächte in einem anderen Hotel als der Rest der Gruppe
untergebracht sind, weil in dem vorgesehenem Hotel nicht genügend Kapazitäten
verfügbar sind. Das finde ich gar nicht so gut, da Jörg seit Anfang der Reise
immer wieder erwähnt, wie schön das Hotel in San Agustino ist. Warum
ausgerechnet wir beide? Hätten die doch auch zwei Paare oder so abseits der
Gruppe unterbringen können!
Um
8.00 Uhr starten wir dann wieder mit dem Bus zu unserem heutigen Ziel San Augustino.
Die Fahrt ist dieses Mal sehr sehenswert, tolle Landschaft und wir halten sogar
an zwei Aussichtspunkten, von wo aus man einen grandiosen Blick über deN Rio
Magdalena hat. Fantastisch! Deswegen bin ich hier! Einen weiteren Stopp legen
wir in dem sehr betriebsamen kleinen Ort „Gigantes“ ein, der so heißt, weil auf
dem Hauptplatz ein gigantischer, sehr alter Baum steht. Hier trinken wir an
einem kleinen Stand einen frisch gepressten Orangensaft und bescheren der Dame wahrscheinlich damit das Geschäft des Monats. Über eine gut ausgebaute
Serpentinenstraße geht die Fahrt weiter und ich kann mich mal wieder nicht satt
sehen an dieser wundervollen Landschaft.
Um
kurz vor zwei sind wir dann in San Augustino, wo Jörg noch einen Stopp bei einem
vegetarischen Restaurant einlegt um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Ich habe
keinen Hunger und nutze die vorgegebene Zeit von einer halben Stunde damit,
durch die Läden zu bummeln. Die Leute sind hier extrem freundlich, alle
begrüßen mich mit einem Lächeln und ein paar netten Worten, hier und da kommt
sogar mit meinen winzigen Brocken spanisch eine holprige Unterhaltung zustande.
Ich liebe diese Atmosphäre, es ist total entspannt. Ich kaufe für Mama einen Kühlschrankmagneten
und bekomme woanders einen bemalten Kern geschenkt. Als ich zum Restaurant
zurückkomme, bekommen die gerade erst ihr Essen, ich trinke einen Kaffee. Nach
dem essen trödeln diverse Leute dann extra lange noch bei einem Kaffee rum,
bevor es endlich (nach inzwischen einer vollen Stunde) weitergehen kann zum
archäologischen Park von San Agustino. Bekannt geworden ist dieser Ort durch
zahlreiche, mit einfachsten Werkzeugen hergestellte Felsskulpturen und
mystische Figuren, die in der Zeit von 100 bis 1200 nach Christus durch die San-Agustín-Kultur geschaffen wurden. Der
Ort gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir machen einen
gemütlichen Rundgang mit einem örtlichen Führer, der uns zu allen Figuren und
Gräbern ausführliche Erläuterungen gibt. Sehr interessant! Gegen 18:00 Uhr sind
wir fertig mit dem Rundgang und fahren zum Hotel, was etwas außerhalb des Ortes
liegt. Zunächst fahren wir zu den Hotel, wo alle anderen absteigen, und es
dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis alle mit Zimmern versorgt sind, zumal wir
uns bereits in einer Dreiviertelstunde wieder zum Abendessen treffen sollen.
Angesichts der Tatsache, dass heute Heiligabend ist, ich deswegen wenigstens
geduscht sein möchte, aber immer noch nicht weiß, wo und wie ich die Nacht
verbringe, bin ich inzwischen etwas genervt. Dann werden wir endlich zu unserem
Hotel gebracht. Das ist nicht weit weg, etwa 100 Meter, aber der Weg führt durch ein (zwar beleuchtetes)
Waldstück, wo ich mir denke, was zum Teufel haben die sich dabei gedacht, eine
allein reisende Frau in Kolumbien so abseits der Gruppe unterzubringen? Ist ja nicht
unbedingt klar, dass ich mich mit Martin verstehe oder wir uns gleichzeitig auf
den Weg machen. Wirklich Schiss deswegen hatte ich aber auch nicht. Und als wir
dann an unserer Unterkunft ankommen, muss ich allen Verantwortlichen insgeheim
direkt vergeben. Das Hotel ist der Hammer! Mit Sicherheit ein Upgrade gegenüber
den anderen Zimmern (obwohl die auch sehr schön sein sollen). Das absolute
Gegenteil zu unserer letzetn Unterkunft, alles ist offen, das Hotel besteht aus zwei Gebäuden, vorne das Restaurant,
dahinter zweistöckig die Zimmer, welche sehr groß, modern eingerichtet und die
Wände nach Themen bemalt sind. Ich habe ein Ozelot an der Wand. Leider habe ich
erstmal nur kurz Zeit, mein Zimmer zu genießen,
kurz duschen, umziehen, dann zum anderen Hotel. Dort gibt es das
Abendessen zu Heiligabend mit der Gruppe, zum Glück ganz unspektakulär, mit
Hühnchen-Lasagne und Live-Musik. Ich werde trotzdem kurz sentimental, als ich
die Nachrichten meiner Neffen lese, aber sonst ist es ein Abend wie jeder andere
hier. Nett, entspannt, und unterhaltsam. Relativ früh löst sich die Gruppe
allerdings auf, die meisten gehen zu Bett, wir
bleiben noch mit ein paar Leuten sitzen, aber gegen halb elf gehen wir
dann zu unserem Hotel, trinken dort noch einen Mojito, dann gehen wir auf
unsere Zimmer. Ich wasche ein bisschen Wäsche und setze mich dann auf die
wunderschöne Terrasse mit Blick auf den beleuchteten Ort. Von überall schallt
Musik herüber, die dazu einlädt, zu tanzen und zu feiern, aber leider ist hier
tote Hose. Aber ich genieße es trotzdem, eine absolut schöne Stimmung.
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